Journalistische Fehlleistung: Starkenburger Echo verschafft Neonazis aus Südhessen kostenlose PR-Maßnahme

In Bensheim demonstrierten am 25. August rund vierzig Nazis durch die Bensheimer Innenstadt. Während Bürger_innen, Gewerkschaften und Presse kritisieren, dass die Stadtverwaltung es dem braunen Mob ermöglicht hatte, an einem Samstagnachmittag durch die Bensheimer Fußgängerzone zu marschieren, ist die Berichterstattung des Starkenburger Echos mehr als fragwürdig: Es interviewte den Anmelder des Naziaufmarschs und druckte dessen Aussagen teilweise im Wortlaut ab.

Als Reaktion auf das Verbot der Neonazigruppierungen „Nationaler Widerstand Dortmund“, „Kameradschaft Aachener Land“ und „Kameradschaft Hamm“ durch das Nordrhein-westfälische Innenministerium demonstrierten am 25. August rund vierzig Nazis aus Südhessen und der Rhein-Neckar-Region durch die Bensheimer Innenstadt. Angemeldet wurde der Aufmarsch knapp zwei Tage zuvor von einem Mitglied der „Nationalen Sozialisten Ried“. Sehr zupass dürfte es dem Anmelder gekommen sein, dass die Stadtverwaltung nicht nur eine Route durch die Innenstadt genehmigte, sondern es auch nicht für notwendig hielt, die Öffentlichkeit über den geplanten Aufmarsch der Nazis zu informieren, so dass diese an einem sonnigen Samstag Vormittag in Abwesenheit von Gegendemonstrant_innen durch eine belebte Fußgängerzone demonstrieren konnten.

Das Vorgehen der Stadtverwaltung wurde glücklicherweise von Gewerkschaften, der Presse und Einzelpersonen kritisiert. So verwiesen der Bergsträßer und Bensheimer DGB etwa darauf, dass die Stadt Bensheim im Jahr 2006 eine „Erklärung gegen rechtsextreme Aktionen“ verabschiedet habe, in der man erklärt hatte, sich „entschieden gegen alle Auftritte von Rechtsextremen zu wehren“, da „Schweigen und Wegsehen leicht als Akzeptanz missverstanden werden“, und dass deren Inhalt auch Konsequenzen für das Verhalten der Stadtverwaltung hätte haben müssen.

Klare Worte fand auch ein Redaktionsmitglied des Bergsträßer Anzeigers und bezeichnete den Naziaufmarsch als „Trauerspiel“, bevor er zu dem Schluss kam, dass sich die Stadt die Wiederholung eines solchen Vorfalls nicht leisten könne und dürfe.

Ein Negativbeispiel in puncto Berichterstattung präsentierte hingegen vergangenen Freitag das Starkenburger Echo mit seinem Artikel „Der Organisator gibt Auskunft“. Der Autor macht im Wesentlichen nichts anderes, als ein kurz zuvor geführtes Interview mit dem Anmelder des Naziaufmarschs zu paraphrasieren. Distanz zu den Äußerungen des Bibliser Neonazis wird im Artikel lediglich noch durch die Verwendung des Konjunktivs und Anführungszeichen hergestellt. Darüber hinaus hielt der Autor es jedoch scheinbar nicht für nötig, die Aussagen kritisch zu hinterfragen, Hintergründe zu recherchieren, oder in seinem Artikel Zusammenhänge herzustellen. Statt deutlich auf Distanz zu einer südhessischen Neonazigruppe zu gehen, vermittelt der Artikel so den Eindruck, bei Nazis handele es sich um gewöhnliche politische Akteure und Demonstrationsanmelder.

Um darzulegen, dass dem mitnichten so ist, hätte es hingegen nicht einmal besonderer journalistischer Raffinesse bedurft. Eine kurze Recherche auf der offen zugänglichen Homepage der „Nationalen Sozialisten Ried“ hätte bereits ausgereicht, um darzulegen, dass der Name der Gruppe Programm ist. So beschreibt diese etwa unter der Rubrik „Was wir wollen“ „Kultur“ als das Ergebnis „erblicher Identität und Erziehung im Dienst der Gemeinschaft“. Angestrebtes Gesellschaftsmodell ist die „Volksgemeinschaft“, welche sich nicht zuletzt durch eine angeblich natürliche „ethnische Homogenität“ auszeichnet, zu deren Herstellung es nach Ansicht der Nationalen Sozialisten der „Ausweisung aller kultur- und artfremder Ausländer“ bedürfe, um der weiteren „Bastardisierung“ (sic!) des „deutschen Volkes“ vorzubeugen. Angesichts eines solch unverhohlen völkisch-rassistischen Selbstverständnisses der Gruppierung des Anmelders erscheint dessen, im Artikel des Starkenburger Echos zitierte, Behauptung, dass während der Demo keine menschenverachtenden Parolen gerufen worden seien, wenig aussagekräftig, ist doch davon auszugehen, dass die „Nationalen Sozialisten Ried“ den Begriff der Menschenverachtung anders definieren, als Demokrat_innen.

Anstatt herauszuarbeiten, dass sich Nazis mit ihrem Weltbild außerhalb des demokratischen Grundkonsens bewegen, gibt der Artikel zudem das Lamento des „Nationalen Sozialisten“ aus Biblis wieder, der sich über die „massive Repression“ seitens Staatsschutz und Polizei auslässt. Auch im Hinblick auf diese Aussage wäre ein Blick auf die Homepage der braunen Truppe aus dem Ried aufschlussreich gewesen. So wird etwa die Inhaftierung des, wegen mehrfacher Volksverhetzung verurteilten, Nazianwalts Horst Mahler in einem Flugblatt als „Justizwillkür“ bezeichnet und die Leugnung des Holocaust durch Mahler euphemistisch als „kritisches Hinterfragen geschichtlicher Ereignisse aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ beschrieben. Es liegt nahe, dass die Verfasser solcher Zeilen die Verhältnismäßigkeit polizeilicher und justizieller Maßnahmen anders beurteilen dürften, als das Gros der Leser_innen des Starkenburger Echos. Der Autor der Zeitung belässt es jedoch auch hier dabei, die Aussagen eines Nazis kommentarlos wiederzugeben.

Völlig unverständlich ist schließlich auch, weshalb ausgerechnet der Organisator eines Naziaufmarschs dazu befragt wird, ob es stimme, dass es im Zusammenhang mit der Demonstration zu einer Schlägerei in einer Kneipe nahe der Fußgängerzone gekommen sei. Dessen Aussage, dass da „nichts dran“ sei, überrascht nicht wirklich. Dass ein Journalist nicht in der Lage zu sein scheint, eine andere Quelle zu einem solchen Vorgang zu befragen- der Betreiber der Kneipe wäre die naheliegendste Option gewesen – überrascht hingegen schon.

Für uns steht fest, dass es sich bei Neonazis um keine gewöhnlichen politischen Akteure handelt und diese dementsprechend auch nicht wie solche zu behandeln sind. Neonazis verneinen den für die Demokratie fundamentalen Grundsatz der Gleichwertigkeit aller Menschen und positionieren sich damit außerhalb des demokratischen Spektrums. Die Aufgabe von Journalist_innen kann und darf nicht darin bestehen Neonazis „wertneutral“ zu begegnen und ihnen eine Plattform zu bieten. Der im Starkenburger Echo veröffentlichte Artikel hätte die Aussagen des Neonazis mit Kommentaren und Hintergrundberichten flankieren müssen und über die Gefahr aufklären müssen, die von Gruppierungen wie den „Nationalen Sozialisten Ried“ ausgeht. Dass letztere den Artikel selbst auf ihrer Homepage verlinken, verdeutlicht um so mehr, dass das Starkenburger Echo mit dieser journalistischen Fehlleistung südhessischen Neonazis eine kostenlose PR-Maßnahme beschert hat.


1 Antwort auf „Journalistische Fehlleistung: Starkenburger Echo verschafft Neonazis aus Südhessen kostenlose PR-Maßnahme“


  1. 1 Keine PR für Neonazisten » vielbunt Pingback am 12. September 2012 um 12:56 Uhr
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